Der„vergessene Schatz“

Europaabgeordnete spricht zum „Jahr des Bodens“

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2015 zum „Jahr des Bodens“ aufgerufen, was die Tettnang Grünen zum Anlass für einen Abend mit Maria Heubuch, der grünen Europaabgeordneten Aus Leutkirch im Allgäu genommen haben. Maria Heubuch bewirtschaftet seit 35 Jahren einen Milchviehbetrieb im Allgäu und engagiert sich fast ebenso lange in der Landwirtschaftspolitik, was sie letztlich 2014 ins Europaparlament gebracht hat. Sie ist dort u.a. stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung.

In ihrem Vortrag wies Maria Heubuch zunächst auf die große Bedeutung unseres Bodens neben Luft und Wasser hin mit dem Zitat von Wendell Berry: „Was wir dem Land antun, tun wir uns selbst an“. Denn wir leben nicht nur auf, sondern insbesondere auch vom Boden. Sie führte viele Faktoren auf, welche sich negativ auf den Boden auswirken. So werden in Deutschland nach wie vor täglich etwa 70 Hektar Boden pro Tag durch Straßen und Bebauung versiegelt, europaweit seien es etwa 800 km², was der Fläche der Urlaubsinsel Mallorca entspreche.

Seit 2001 sei in Deutschland der Pestizideinsatz um weitere fast 33 % gestiegen. Während in den östlichen Mitgliedsstaaten der Einsatz von chemischen Düngemitteln immer noch gestiegen sei, könne im übrigen Europa insoweit endlich ein vernünftigerer Umgang festgestellt werden, der Einsatz habe dort abgenommen.

Aber durch verschiedene Maßnahmen wie beispielsweise die Bodenverdichtung, offenliegende, austrocknende Böden u.a. werde auch die Erosion gefördert, was in der EU jährlich zum Verlust von 970 Mill. Tonnen wertvollen Bodens führe.

Als wesentliche Ursache für solche Entwicklungen machte Maria Heubuch die nach wie vor an „Wachsen und Weichen“ ausgerichtete Landwirtschaft aus, welche kaum Raum für effektiven Bodenschutz lasse. Sie wünschte sich hier eine Wende. Man müsse weg von der Industrialisierung der Landwirtschaft mit Monokulturen, Überdüngung, Einsatz von Pestiziden und Massentierhaltung hin zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Boden kommen. Eine schonende Bodenbearbeitung mit dichter Bedeckung mit Pflanzen, vielfältig wechselnden Fruchtfolgen, der Begrünung von Abflussrinnen und Gewässerrandstreifen, Hecken und Feldgehölzen an Ackerflächen und die Terrassierung von steilen Hängen, könne zu einem deutlich verbesserten Bodenschutz beitragen. Und dieser sei auch ein ganz wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz. Eine Humusanreicherung von 3 % auf 25 cm Bodentiefe führe zu einer zusätzlichen Bindung von 125 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar. In Europa stelle der Boden den größten Kohlenstoffspeicher dar.

Die im Jahre 2010 eingeleiteten Maßnahmen der Gemeinsamen Agrar-Politik (GAP) in der Europäischen Gemeinschaft auf den drei Gebieten Ernährungssicherheit, Umwelt und Klimaschutz und ländliche Entwicklung seien, das habe die Überprüfung in der Mitte der siebenjährigen Finanzperiode gezeigt, in manchen Bereichen dadurch verwässert worden, dass die Umsetzung der gesetzten Ziele den Mitgliedstaaten überlassen worden sei. Hier müsse nachgesteuert werden, was bei der EU insbesondere über die gezielte Verwendung der Finanzmittel gehe. 40 % des EU-Haushaltes gingen in die Landwirtschaft. Hier dürften wesentliche Teile der Direktzahlungen nur ausgeschüttet werden, wenn Umwelteffekte der Landwirtschaft, das sogenannte Greening, nachweislich umgesetzt würden.

Dass ausgerechnet die Bundesrepublik eine spezifische EU-Gesetzgebung zum Bodenschutz verhindert habe, bedauert Maria Heubuch sehr.

Die rund 30 Besucher, die etwa zur Hälfte aus der Landwirtschaft kamen, nutzten anschließend die Gelegenheit, mit Maria Heubuch ins Gespräch zu kommen, wobei sich die Diskussionbeiträge nicht nur auf den Boden beschränkten. Themen waren unter anderem der Glyphosat-Einsatz, Medikamentenspuren im Wasser, Probleme des Umbruchverbots bei Aufgabe einer Viehaltung und anderes, auch die Frage, warum nicht mehr Landwirte in Deutschland auf ökologische Produktion umstellten, wo doch der hiesige Bedarf durch die inländische Produktion nach wie vor nicht abgedeckt werden könne.

Die anwesenden Landwirte bemängelten die regionalen Unterschiede bei der Ausweisung von Umbruchland. Zudem sei Ackerbau einfach etwas anderes als Obstbau. Auch wurde das Thema Glyphosat angesprochen, welches in diesen Tagen zur Neubewertung durch das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) ansteht. Ein Bericht des BfR, welcher im Auftrag der EU erstellt wurde, bliebe zuerst mal unter Verschluss

. Zudem kommen die Krebs-Forscher der WHO zu einem diametral anderen Ergebnis: Es sei „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ und fällt unter die zweithöchste Gefahrengruppe.

Als Fazit des Abends fasste die Europapolitikerin der Grünen zusammen, dass man für eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion in andere Systeme kommen müsse. Es gelte nicht nur biologisch anzubauen, sondern man müsse auch aus dem Industrialisierungsdruck heraus. Eine ganz wichtige Rolle spielten hier aber auch die Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten und ihrer Wertschätzung für Lebensmittel und ihre Produktionsweise.

Fotos: Hans Schöpf

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